2. Bundesliga: Kein Sieger im Stadt-Derby
30.10.2020

Vom August 2015 bis zum Juni 2019 noch Mitspieler beim FC St. Pauli, trafen Daniel Buballa (links) und Jeremy Dudziak, der inzwischen seit 16 Monaten das HSV-Trikot trägt, am Freitagabend als Gegner aufeinander.
Alternativprogramm im Volkspark: Weil am Freitagabend aufgrund der neuerlichen Corona-Zwangspause im Hamburger Amateur-Bereich der Ball erstmals ruhte, war das Zweitliga-Derby zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli das einzige Fußball-Pflichtspiel, das auf dem Gebiet der Freien und Hansestadt Hamburg stattfand. Bedauerlicherweise durften, ebenfalls wegen der Corona-Beschränkungen, in der 57.000 Zuschauer fassenden Arena nur 1.000 Besucher live dabei sein. Die wenigen Glücklichen, die eine Eintrittskarte bekommen hatten, sollten ihr Kommen nicht bereuen: Sie sahen ein abwechslungsreiches, schnelles Duell, das deutlich spannender war als manch dröges Erstliga- und Europapokal-Spiel der jüngeren Vergangenheit.

Schon in der zweiten Minute gab es den ersten Torabschluss, als St. Paulis Simon Makienok eine Rechtsflanke von Luca Zander per Kopf aber nicht mehr richtig erwischte und den Ball deshalb am langen Pfosten vorbeinickte. Auf der Gegenseite fand Khaled Narey bei der ersten nennenswerten Offensivaktion der Heim-Elf mit seinem Querpass keinen Mitspieler (5. Minute), ehe die Gäste am Führungstor schnupperten: Nach einer schlechten Abwehraktion von Stephan Ambrosius, der einen Ball fast vorlegte für Makienok, strich dessen satter, von halbrechts abgegebener Schuss wenige Zentimeter am linken Pfosten vorbei (6.). Nach sechs weiteren Zeigerumdrehungen jubelten die HSV-Anhänger im Stadion: Josha Vagnoman ließ rechts mit einer schönen Körpertäuschung Maximilian Dittgen aussteigen und flankte dann mit links und Effet gen Tor auf den langen Pfosten, wo Simon Terodde freistehend mühelos einköpfte – 1:0, so einfach können Fußball und das Toreschießen auch in Deutschlands zweithöchster Spielklasse sein.

Beinahe wäre Terodde ein Doppelschlag gelungen, als er einem von rechts kommenden Eckstoß von Aaron Hunt gut entgegenlief und den Ball an den rechten Außenpfosten köpfte – das Scheppern war im ganzen Stadion zu hören (19.). In der 22. Minute traten die Gäste dann erstmals seit dem Rückstand wieder offensiv in Erscheinung, als eine Dittgen-Hereingabe von rechts zu scharf für den lauernden Daniel Kyereh war; die Kiez-Kicker blieben aber in Ballbesitz und nachdem die HSV-Deckung einen Zander-Versuch abblocken konnte, zielte letztlich Finn Ole Becker hauchdünn von halblinks am langen Pfosten vorbei. Nachdem ein weiter HSV-Freistoß für den nachsetzenden Terodde einen Tick zu lang gewesen war (32.), fiel kurz darauf der Ausgleich: Der bullige Makienok legte eine Flanke gut ab zu Rodrigo Zalazar, der von halbrechts aus 18 Metern flach links einschoss (35.). Damit traf Zalazar im dritten Spiel in Folge – bei den beiden vorherigen 2:2-Unentschieden der Braun-Weißen beim SV Darmstadt 98 sowie gegen den 1. FC Nürnberg hatte die Leihgabe des Erstligisten Eintracht Frankfurt jeweils einen Elfmeter verwandelt.

Nach dem 1:1 taten die Hausherren wieder mehr für die Offensive, wofür sie durchaus noch vor der Pause mit der erneuten Führung hätten belohnt werden können. Aber Manuel Wintzheimer traf erst einen Ball nicht richtig, weshalb er nur ein harmloses Schüsschen produzierte, das rechts am Ziel vorbei ging (37.), ehe er nach einem Eckstoß mit seinem Kopfball in Gäste-Keeper Robin Himmelmann seinen Meister fand (40.). Weil Hunt in seiner auffälligsten Aktion einen 20-Meter-Freistoß von halbrechts zwar über die Abwehrmauer der St. Paulianer, aber auch rechts am Tor vorbei zirkelte (45.), ging es für die Teams mit einem ausgeglichenen Spielstand in die Katakomben. Wieder zurück auf dem Platz, gab HSV-Kapitän Tim Leibold den ersten Torschuss des zweiten Durchgangs ab: Nach einem von den Gästen nicht weit genug geklärten Eckstoß versuchte er es von halblinks aus der Distanz – letztlich wurde der Ball noch abgefälscht und zischte am rechten Pfosten vorbei (48.). Zwei Zeigerumdrehungen später wurde eine Rechtsflanke des agilen Vagnoman zu scharf für den in der Mitte lauernden Terodde, der darauf verzichtete, wie einst Ulf Kirsten oder Olaf Marschall in den Ball hineinzuhechten.

Die erste echte Prüfung für HSV-Torwart Sven Ulreich gab es in Minute 53, als Becker von halbrechts aus hoch und wuchtig abzog, der Schlussmann aber Sieger blieb. Bemerkenswert war, dass der erfahrene Schiedsrichter Manuel Gräfe (vom FC Hertha 03 Zehlendorf) erst in der 56. Minute die erste Gelbe Karte zückte. Dass vor Dittgen, der im Mittelfeld Vagnoman attackiert hatte, kein anderer Spieler verwarnt worden war, lag sicher auch daran, dass das Stadt-Derby nicht vor vollem Haus stattfand. Ein Zufallsprodukt hätte der Heim-Elf die erneute Führung bescheren können, als Leibold nach einer schlechten Abwehraktion von St. Paulis Daniel Buballa von halbrechts abzog und sein Mitspieler Terodde in den Ball hineinlief, diesen aber deutlich über die Latte bugsierte (60.). Wenig später trugen die „Rothosen“ einen schnellen Angriff vor, bei dem Terodde nach Nareys Diagonalpass links vorbei zielte (66.). Dann hatte HSV-Coach Daniel Thioune genug gesehen und nahm einen Dreier-Wechsel vor, wobei unter den Spielern, die den Rasen betraten, auch der Ex-St. Paulianer Jeremy Dudziak war.

Nach einer Viertelstunde ohne größere Torchancen sollte es die Schlussphase dann noch einmal richtig in sich haben. Nach einer guten Einzelleistung von Lukas Daschner, den St. Paulis Trainer Timo Schultz eingewechselt hatte, leitete Kyereh den Ball weiter zu Makienok, der nicht lange zögerte, sondern mit der Pike abschloss – Ulreich ließ den keinesfalls unhaltbaren Schuss jedoch passieren. In seinem vierten Einsatz im HSV-Trikot war dies die erste unglückliche Aktion von Ulreich, der Ende September vom FC Bayern München an die Elbe und dort sofort zur neuen Nummer eins geworden war. Die Kiez-Kicker feierten ihren Führungstreffer natürlich ausgelassen. „Makienok macht‘s möglich – St. Pauli bleibt Stadt-Meister“, hätte zu diesem Zeitpunkt eine Überschrift über das Derby lauten können. Doch dagegen hatte Terodde etwas einzuwenden: Nur zwei Zeigerumdrehungen nach dem 1:2 leitete Dudziak einen langen, hohen Pass von Amadou Onana per Kopf weiter zum HSV-Torjäger, der den Ball gut mitnahm und dann rechts im Eck versenkte.

In der packenden Schlussphase war der Heim-Elf der Wille, noch zum Siegtreffer zu kommen, deutlich anzumerken. Allerdings hätten auch die St. Paulianer noch das dritte Tor erzielen können, als sie nach einer misslungenen Flanke von Jan Gyamerah blitzschnell umschalteten: Kevin Lankford zögerte zunächst noch zu lange, ehe Kyerehs Schuss plötzlich zu einem Pass für den frisch eingewechselten Leon Flach wurde, der aber am linken Eck des Fünfmeterraums per Grätsche knapp am Ball vorbeisprang (89.). In der dritten und letzten Minute der Nachspielzeit gehörte die abschließende Aktion dann den „Rautenträgern“, als Bobby Wood einen Schuss von Klaus Gjasula abfälschte – allerdings so, dass er knapp am Gäste-Gehäuse vorbei flog. Wood, der in den vergangenen Jahren so oft Geschmähte, als Siegtorschütze im Derby, das wäre auch eine Geschichte gewesen, wie sie nur der Fußball schreibt. Mit dem 2:2 bleibt der HSV in dieser Zweitliga-Saison sowie unter Trainer Thioune in Punktspielen immerhin unbesiegt und auch Tabellenführer, ehe am Montag, 9. November das nächste Derby ansteht: Dann sind die „Rothosen“ ab 20.30 Uhr beim derzeitigen Tabellen-Zweiten Holstein Kiel zu Gast, was auch in der Fördestadt das einzige Fußballspiel an jenem Tag sein wird ...


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